LAMB, PICASSO, UND HORTA
Von Leonard Folgarait
Professor für Kunstgeschichte
Vanderbilt University, U.S.A.
Der Einfluß der Bilder Pablo Picassos auf die Künstler des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts lässt sich relativ leicht anhand von Beispielen wie dem russischen Konstruktivismus, Mondrian und den amerikanischen abstrakten Malern wie Jackson Pollock nachwiesen. Das sind jedoch Beispiele etablierter Meister der abstrakten Kunst, sozusagen aus der Akademie der Modern Art. Der Einfluß Picassos auf Künstler abseits der Hauptströmung der etablierten Kunstgeschichte ist viel schwieriger festzustellen. Dabei fällt einem zum Beispiel Matt Lamb ein. Es scheint sinnvoll, diesen autodidaktischen Künstler im Vergleich mit Picasso zu betrachten – und zwar nicht nur bezüglich stilistischer Einflüsse, die man anhand seiner Bilder verfolgen kann. Viel interessanter ist seine Beziehung nicht einfach zur Kunst, sondern vor allem zur etablierten Hauptströmung der Kunst. Die meisten hochgeschätzten Namen der zeitgenössischen abstrakten Kunst erreichen einen bestimmten Grad der Reife und bleiben dann für den Rest ihres Lebens bei diesem Stil, so wie Kandinsky oder Mark Rothko das getan haben. Diese Konsequenz des Stils erlaubt uns die Bilder solcher Maler - entsprechend ihrem äußeren Unterscheidungsmerkmal - direkt zu erkennen. Tatsächlich hält die Kunstwelt Maler in großer Verehrung, die ihrem Stil und ihrer Qualität während ihrer gesamten Karriere treu bleiben. So kann man etwa Rembrand immer vertrauen, daß er auch Rembrand bleibt. Aber Picasso war in dieser Hinsicht anders, im Verlauf seiner Karriere erfand er seinen Stil viele Male neu. Statt einige Jahre bei einem identifizierbaren Stil zu bleiben, provozierte ihn seine Unstetigkeit zu ständigem herumexperimentieren und zu einer Unerschrockenheit bezüglich des Verwerfens eines Stiles, den er bereits gemeistert hatte. Die unverkennbarsten Phasen, die uns einfallen, sind die blaue und die rosa Perioden, der analytische und der synthetische Kubismus, der Neoklassizismus, der Surrealismus und eine Art von Neoexpressionismus gegen Ende seines Lebens. Diese atypische Karriereentwicklung macht Picasso unter seinen Zeitgenossen einmalig. Man braucht zum Beweis für Picassos fast schockierendem Wechsel von einem Hauptstil zum anderen und dessen Meisterung nur an Matisse oder Chagall zu denken. In diesem Sinne präsentiert sich Picasso mit jedem Neuanfang fast als Künstler, der sich außerhalb der erwarteten, akademischen Kunstentwicklung und jenseits der Reihen etablierter Künstler bewegt. In anderen Worten: Mit jeder neuen, radikalen Stiländerung kommt er fast als Vertreter des Phänomens daher, das wir heute als autodidaktischen oder außenstehenden Künstler bezeichnen. Als Beispiel dafür wiederrum dient für unsere Zwecke Matt Lamb. Diese Vorstellung von Picasso als einem autodidaktischen Künstler lässt sich am Deutlichsten bei seiner (zusammen mit seinem Kollegen Braque) Entdeckung des Stiles aufzeigen, den wir als Kubismus kennen. Dieser Stil ist so unerwartet in seiner Erscheinung und Entwicklung, dass er zuerst auf diese zwei Maler begrenzt wurde, die beide dafür ausgelacht wurden, weil er zu jener Zeit so weit außerhalb der Normen der Kunstpraxis zu stehen schien. Es ist höchst relevant, was die derzeitige Ausstellung von Lamb in Horta betrifft, dass Picasso den Durchbruch seines kreativen Anstoßes in Richtung Kubismus 1909 erstmals in dieser Stadt in den Bergen spürte, so weit weg von den wichtigsten Kunstakademien, Galerien und Kunstkritiken Westeuropas. Picasso kreierte den Kubismus anhand von Landschaftsstudien, Stilleben, und menschlichen Figuren in großer Entfernung von den Kunstanstalten in Barcelona und Paris, wo er in dieser Zeit seinen permanenten Wohnsitze hatte. Es ist fast so, als hätte er diesen Abstand, der ihm seine intellektuelle und emotionale Freiheit zum Denken erlaubte, so gebraucht, um etwas Neues zu kreieren, wie das ein autodidaktischer Maler tut, der nicht die abgenutzte Tradition vererbt haben will, selbst wenn diese als Avantgarde gilt. In Horta fand Picasso die nötige Inspiration, neue Bilder von rauen Landschaften und anspruchslosen Einwohnern zu entwerfen, die man mit Recht als Kubismus bezeichnen kann. Deshalb ist der Vergleich zwischen Picasso und Lamb hinsichtlich ihrer Haltung zum Establishment bezüglich des Erlernens und Machens von Malerei in der Tat sehr eng. Es wäre nun angebracht, diese beiden Künstler anhand ihrer gewählten Motive und deren stilistischer Umsetzung zu vergleichen. Es wäre fair zu sagen, daß der Stil von Lamb durch mehrere Faktoren charakterisiert wird: intensive Farbsättigung, eine Tendenz, die flache Oberfläche der Leinwand hervorzuheben, ein verspieltes Verhältnis gegenüber den Themen, eine kindliche (eher als kindische) Behandlung der Zeichnung und Perspektive, eine Welt bevölkert von fantastisch erfundenen Menschen und Tieren, und eine Betonung der Gefühle. Es wäre genauso fair, die gleichen Qualitäten für Picasso in verschiedenen Zeiten seiner Karriere geltend zu machen. Man könnte sogar eine noch stärkere Feststellung machen: Ohne das machtvolle Vorbild Picassos, der diese Qualitäten vorwegnahm und die Gangbarkeit eigener Wege bewies, hätte sich ein unabhängiger Maler wie Lamb wahrscheinlich anders entwickelt. Es scheint mir, daß beide Maler zum gleichen Kontinuum der Imagination und Philosophie der Kunst gehören, und es ist sinnvoll, die Kunst beider als auf Horta bezogen anzunehmen, auch wenn auf verschiedene Weisen. Diese Stadt scheint die Eigenschaften zu haben, zur Erfindungsgabe, die beide Maler auszeichnet, zu ermutigen und ihre Kunst zu beherbergen. In gewisser Weise kann das Konzept das „Lamb trifft Picasso“ genauso in diesem Sinne erweitert werden „Lamb trifft Picasso durch Horta“, denn dieser Ort scheint für Picassos Vita ganz generell und für den Kubismus ganz besonders entscheidend gewesen zu sein. Der große Wert dieser Ausstellung wird außerdem der sein, die Grenzen zwischen der sogenannten höheren und niedere Kunst zu durchbrechen - zwischen den Stempeln, die den professionellen- und Amateurmalern aufgedrückt werden. Picasso und Lamb zeigen einen so hohen Grad des Dialogs und der Übereinstimmung, dass sie diese falschen Unterscheidungen für immer verschwinden lassen sollten. Ich hoffe, dass die Betrachter eine erneuerte Definition von Kunst mit sich nehmen – und zwar eine, die die Augen und den Verstand öffnet für so viele verschiedene Formen, die Beachtung und Anerkennung verdienen. |