Matt Lamb, ein Neuerer der Überlieferung

 

Prof. Dr. Guido König

 

 Wahr ist, dass erst eine geschickte Verteilung von Licht, Farbe und Schatten die verborgene Herrlichkeit der sichtbaren Welt offenbart und sich ein höheres Auge aufzutun scheint. In allen Übergängen will, wie in einem Zwischenreich, eine geistliche Macht durchbrechen.

Novalis (Friedrich von Hardenberg) 1772 – 1801.

 

Mir scheint, dass der künstlerische Eigensinn Matt Lambs ganz ohne jeden ästhetischen Tiefsinn auskommt. Der rücksichtslose Impetus seiner Bilder und Zeichnungen, Skizzen und Skulpturen verweigert sich darüber hinaus einer schaffensreligiösen Ästhetik in vielfacher Ablehnung tradierter Darstellungsweisen und Gestaltungsformen, ich empfinde den Künstler als einen modernen Traditionalisten, einen” irrationalen” Aufklärer und romantischen Rebellen.

 

Sein Kunstsinn äußert sich gemäß konkreten Anschein vehement gegen die modischen Gebärden der Beliebigkeit. Er wehrt sich förmlich gegen jede ideologische Affirmation. Matt Lamb versteift sich geradezu auf den authentischen Ausdruck seiner Subjektivität. Dadurch macht er glaubhaft, dass die intime Hingabe an die eigene Spontaneität reiner Notwendigkeit folgt.

 

Dem Betrachter seiner Gemälde mag Friedrich Wilhelm Schellings romantischer Entwurf künstlerischen Schaffens in den Sinn kommen, wonach bewusste und unbewusste Produktion absolut eins sein sollen im Produkt. Im gelungenen Werk beglücke, so der Philosoph der deutschen Romantik, die freiwillige Gunst höherer Natur. Nach Maßgabe der Genieästhetik weiß Matt Lamb, dass dem, was sich im Bild zeigen, aber nicht sagen lässt, keine Botschaft aufzupfropfen ist. Seine kraftvolle Malerei verrät, dass er den Weg der Menschwerdung vom sinnlichen Eindruck zum Symbolischen Ausdruck vollen Bewusstseins zurücklegt und für die eigene künstlerische Wahrheit unumkehrbar einholt.

 

Beim Anblick des immensen Werks verweise ich auf ein Gemälde (Katalog 2000.038. Oil Canvas 65 x 71), das in seiner Rätselhaftigkeit zur Offenbarung von Sinn und Zweck seines Schaffens werden kann.

 

Das Gemälde bannt eine Dreiergruppe eindimensional auf die Leinwand. Zentral ist eine Gestalt mit gesichtslosem Kopf in verzerrter Aureole. Eine schmale schützende Hülle gibt eine Heiligenfigur in der Mandorla vor. Zur Rechten erscheint eine Frauengestalt mit angedeuteter Augen- und Mundpartie unter einem dreispitzigen Hut. Zur Linken befindet sich ein grobschlächtiges Männergesicht mit Knollennasse und staunensoffenem Mund. Der Arm der Figur mit gespreiztem Finger schützt die Zentralgestalt, oder weist er sie zurück?

 

In dieser „Krippendarstellung“ wird die Dreiergruppe zu einer Kippfigur. Jesus, Maria und Josef herbergen in einem imaginären Stall, und zwar vor dem Hintergrund einer Quadersteinzeichnung, die zugleich Wandfläche und Fußboden abgibt.

 

Ironisches wird einerseits zum Symbolischen, anderseits zum Aufweis metaphysischer Sinnlichkeit. Ob in human-offener oder christlich geschlossener Deutung, Epiphanie ist angesagt. Die Erscheinung des Göttlichen bricht hervor: „Und Gott sah alles, was er gemachte hatte, und er fand es sehr gut.“

 

Farbklang und Formrhythmus des Bilds von 1989 zeigen eine exzentrische Gleichgewichtslage von bestechender Musikalität, eine Sinfonetta aus Rot, Schwarz und Gelbgrün. Das Ereignis einer Geburt fesselt sinnfällig das Betrachterauge in atemlosem Staunen und freudigem Entzücken.

 

Es ist schon so. Das Lambsche Malergenie entwickelt eine spannungsreiche Dynamik, die in selbstbewusster Naivität jedem vordergründigen Intellekt abschwört und einer hintergründigen Intuition Raum gibt. Empfindung als Sinnesreiz paart sich mit dem Gefühl der Leidenschaft. Die Gegenwärtigkeit des Farbenspiels, das dem modernen Konstruktivismus entsagt, setzt aber dennoch auf die Kombination von kühnen Formen und auf die Beschwörung von Transzendenz. Ohne die Rebellion der klaren Form kommt er zur Mystik der reinen Farbe, die aber nie in die literarische Geschwätzigkeit des Surrealismus oder die Absichtslosigkeit handwerklicher Ornamentik verfällt. Verschmutzte Farben oder vermodertes Material, wie es bei Objektmachern und Installationsfertigern im Umlauf ist, kommen bei Matt Lamb, nicht vor. Ihm geht es um Sichtbarmachen von Unsichtbarem, um Rettung von Unverlierbarem und Wahrung von Unverzichtbarem.

 

Im Beziehungsfeld abstrakter Farbsinnlichkeit und konkreter Formabstraktheit spricht die dargestellte Wirklichkeit für sich. Lamb malt keine Probleme, sondern Gestalten.

 

Das Arsenal seiner Stoffe und Motive, Themen und Arbeitsformen entstammt dem Humanen und Animalischen, Vegetabilen  und Mineralischen. Seine Einzelfiguren und Figurengruppen stehen zwar oft verloren im Bildraum, aber sie scheinen geborgen im Sein einer Werdens, das Zusammenhang und Zusammenhalt besitzt.

 

Die Metamorphosen seiner aus Ekstase gezeugten Schaffenslust machen ihn zu einem werthaltigen und wertschaffenden Neuerer der Moderne, der aber der malerischen Überlieferung verpflichtet bleibt.

 

Es ist der alte künstlerische Konflikt zwischen Statik und Dynamik, der sich der geistigen Geburt seines Werks lost. Das sichtbare Zeugnis wahrer Schönheit und Güte zieht die Betrachter immer wieder in Bann. Die ästhetische Eigenrealität der Lambschen Arbeiten schaffen stets einen Raum zum Atmen und einen Ort des Betens.

 

Beziehungsmuster schießen zu Aussageprozessen zusammen, die die aufgeworfenen Fragen sinnbildlich lösen. Farbschichten und Pinselstriche bereiten Symbolerlebnisse vor, wie durch die Evidenz wahrer Gestaltung und nicht durch gestische Fertigkeit überzeugen.

 

Die Gemälde und Skulpturen, Verlustanzeigen menschlichen Seins, führen scheinbar im Labyrinthe. Der Betrachter verirrt sich, gerät er vom Bildganzen ins Details, in eine terra incognita. Er erkennt in kleinen Landschaften der abgelegenen Winkeln, dass mentale und naturale Dramen ablaufen. Steigt er wieder aus den mosaikartigen Einzelszenen heraus, so kommt er zu neuen Sichtweisen des Ganzen.

 

Es liegt auf der Hand, dass Matt Lamb glaubt, das Metaphysische sei in jedem Individuum ganz und ungeteilt vorhanden. Er geht gegen die Unordnung der Dinge an. Er erringt seinen Werken für sich als Maler und für uns als Betrachter ein transzendentales Ich, ein wahres Selbst. Der Künstler scheint von der Vorstellung besessen, dass es das Ziel jeder Seele bleibe, sie selbst zu werden.

 

Dass der amerikanische Künstler Matt Lamb dafür den ganzen Schöpfungskreis ausmisst, wird jedem augenfällig, der seine Bilder, Zeichnungen und Skulpturen betrachtet. Ein Kosmos aus Farben und Formen entsteht, der geschlossener und überzeugender nicht zu denken ist. Diesseits und Jenseits, Realität und Imagination, Verheißung und Tröstung sowie Versprechen und Erfüllung durchdringen sich in vielfacher Brechung und Gestaltung. Die Wirklichkeitsausschnitte lassen sich bei ihm in allen Motiven und Metamorphosen und in jedem Stoff und Stil erkennen. Matt Lamb schafft neuen Formen, gestaltet alte Themen. Er vermag dem Menschen das Erlebnis von Welt und Überwelt zurückzugeben. Er kann Dinge erwecken. Es gelingt ihm, Zynismus und Pessimismus, Ratlosigkeit und Verzweiflung zu töten.

 

Guido König. Saarbrücken 2003.