Matt Lamb und die Kraft der Farben

 Dr. med. Wolfgang Kölling

Anlässlich eines Praxisjubiläums ergab sich für mich 1992 die Möglichkeit, Matt Lamb und seine Kunst kennen zu lernen. Durch Vermittlung meines Freundes Dominikus Rohde gelang es, einige Bilder des aktuellen „Künstler des Jahres“ aus den USA in unseren Praxisräumen zu präsentieren. Angeregt durch die spontanen Sinneseindrücke assoziierte ich viele Gemeinsamkeiten zwischen der bildenden und der ärztlichen Kunst: Sorgfalt, Technik und Seriosität auf der einen Seite und Phantasie, Emotionen und Kreativität auf der anderen Seite zeichnen beide Disziplinen aus.

Insbesondere die Farben, die Matt Lamb in eigenwilliger und unnachahmlicher Technik einsetzt, hatte es mir angetan. Kontrast und Harmonie als allenfalls subjektiv empfundener Einklang von Farbtönen drücken die ungefilterten Emotionen des „Outsider art“ –Künstlers nachhaltig aus. Und wiederum spinnt die Phantasie den Bogen vom Malen zum Heilen: Die Idee der Licht- und Farbtherapie hat zumindest marginal auch Eingang in die Medizin gefunden. Mit Farben assoziiert man Gefühle und Stimmungen: Von Volksmund-Trivialitäten („grün wie Galle“, „gelb vor Neid“, „rot vor Zorn“) über die traditionelle chinesische Medizin (TCM) mit ihren Funktionskreisen uns zugeordneten Farbkonstellationen bis zur Esoterik wirkt das Bunte auf uns lebendig, oder tot, aufwühlend oder beruhigend, warm oder kalt. Somit können Sinneseindrücke über die Befindlichkeit auch den Befund beeinflussen.

Die Farbe-Ton-Kunst erweitert diese Sinneswahrnehmungen um die Dimension von Klängen. Und in der Kunst von Matt Lamb schwingt für mich neben dem intensiven optischen Eindruck stets auch ein tonales, quasi audiovisuelles Erlebnis mit.

Der Künstler würde diese sicherlich eigenwillige Interpretation seiner Werke fraglos zulassen. Wer auf der einen Seite malt, was in Kopf und Herz ist, der läst auch einen großzügigen Deutungsrahmen zu, gemäß seinem Motto: „Wirken lassen statt hinzufügen!:

Ich denke, man muss die Bilder Matt Lamb´s gar nicht unbedingt verstehen, um sie zu mögen, denn sie sind Botschaft. Die Idee des Künstlers, seine Werke zu adoptieren bezieht sich somit nicht nur auf den finanziellen Aspekt einer Ratezahlung, sondern implementiert gleichzeitig das Annehmen der Künstlerpersönlichkeit.

Matt Lamb malt im positiven Sinne „verrückt“. Tiere, Blumen, Formen, Gestalten und Symbole wirken bisweilen entstellt, undimensional und grotesk. Stets aber spürt man Naturverbundenheit und Religiosität, teilweise auch Mystik und Spiritualität eines sensiblen Menschen. Glaube, Hoffnung und Liebe sind nicht nur Attribute eines christlichen Ethos, sondern auch Ausdrucks- und Gestaltungstriebfeder des malenden Philosophen.

Ich beglückwünsche das Matt-Lamb-Center in Tünsdorf zu seinem ersten Geburtstag und hoffe, dass das irisch-amerikanisch Original, zu dessen Fangemeinde ich mich längstens zähle, auch in Zukunft viele Menschen zum Nachdenken, Schmunzeln, Staunen und vielleicht gar – einer seiner persönlichen Kauzigkeiten entsprechend – zum Wiehern bringt.

Mandelbachtal, im Juli 2002