Die Athener Aquarelle

Anmerkungen zu einer Reihe kleinformatiger Aquarelle des amerikanischen Malers Matt Lamb

 

von Martin Klinkner

 

 Angelsächsische Reisekünstler zählten zu den ersten, die ihre Eindrücke von Stätten der Antike nicht nur im präzisen Zeichnungen und Stichen festhalten, sondern auch in atmosphärisch dichten Farbskizzen bannen wollten, und somit das Aquarell als malerisches Medium für sich entdeckten und ihm einen eigenständigen Rang zuerkannten.

Auch im Wert zeitgenössischer Künstler nimmt das Aquarell mitunter eine zentrale Stellung ein – als originäres Medium und Zeugnis der schöpferischen Experimente, die ihrer Arbeit insgesamt Schubkraft und Richtung verleihen. So kommt dem Aquarell allgemein, und hier im besonderen Maße den Athener Aquarellen, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die künstlerische Entwicklung des amerikanischen Malers Matt Lambs zu.

Ihre schiere Existenz, ihre motivische und malerische Qualität verdanken die hier zu besprechenden Aquarelle einem kurzen, produktiven Athen-Aufenthalt des Künstlers im Herbst 1994. Die Reise sollte der Vorbereitung und Eröffnung zweier repräsentativer Einzelausstellungen mit großformatigen Werken in der griechischen Hauptstadt dienen. Doch angesichts hartnäckiger Schwierigkeiten beim Auslösen seiner Exponate und der dadurch bedrohlich naherückenden „deadline“ für die Ausstellungen in der „Hellenic American Union“ und der „Galeire Pleiadas“ entschloß sich der Künstler nach eigenen Worten zu einem recht unkonventionellen Unterfangen- der Mut des Verzweifelten mag dabei im Spiele gewesen sein: Um sich den Ausrichtern und Interessenten der angekündigten Ausstellungen nicht mit leeren Wänden und Händen stellen zu müssen, fertigte er an Ort und Stelle in den noch verbleibenden wenigen Tagen bis zur Vernissage eine ausreichend große Anzahl kleinformatiger Aquarelle, die nötigenfalls als Ersatzausstellung zu zeigen wären.

Die in der Folge rasch entstehenden Bilder, deren Formate durchweg den gängigen Größen von Reiseskizzen entsprechen, wurden daher schon unmittelbar nach der Fertigstellung gerahmt und so zu optionalen Ausstellungsexponaten für den Fall der Fälle.

Aus der so begründeten, unmittelbaren Vergegenwärtigungs- und Stellvertretungsfunktion der „Athener Aquarelle“ heraus erklärt sich ihre – auf den ersten Blick ungebrochene – motivische Nähe zum Kreis jener (von den griechischen Behörden schließlich doch noch freigegebenen) Exponate: Mehrfach finden sich an Harlekine erinnernde buntköpfige Einzelfiguren vor ockerfarbenem Hintergrund, gleich in vier Aquarellen scheinen stenographiert wirkende Gestalten mit ausgeprägtem Profil den schlichten Bildraum betreten, einer im Bildzentrum agierenden Einzel- oder Doppelgestalt etwas zurufen zu wollen. Zwar lassen sich ganz ähnliche Figuren als Nebenfiguren in vielen der größeren Arbeiten wiederfinden, selten aber stehen sie dort so frei und klar im Bild, bleiben zumeist stofflich eingebunden in den massiven Pigmentfond der Leinwand, was der Entfaltung visueller Eigenvitalität der Figuren hingegen zusehens freigesetzt.

Ästhetische Nähe zu den „Vorbildern“, ja Identität, zu den zuvor entstandenen Ölgemälden scheint auch stilistisch intendiert gewesen zu sein. Hiervon zeugen der gestisch bewegte Pinselduktus bei der Anlage der aquarellierten Hintergrundflächen, die optisch den schründigen Oberflächentexturen der Öl- und Materialbilder entsprechen, ferner die grafisch sehr griffigen, farblich deutlich gegliederten Linien- und Flächengebilde, die zur Klärung der Figur-Grundbeziehungen in den Bildern beitragen. Bei den Motiven handelt es sich, wie bereits erwähnt, ganz überwiegend um starkfarbige Einzelfiguren, die konturscharf vor dem formatfüllenden Hintergrund zu agieren scheinen. Durch die konsequente leichte Versetzung einzelner Körper- oder Kleidungsteile zueinander sowie der Gesamtfigur aus der Bildmitte heraus wird der Eindruck von Bewegtheit und Lebendigkeit der Figur erweckt, ein Eindruck, der noch verstärkt wird durch das Vorherrschen organischer Konturlinien mit fließenden Formübergängen, und durch die dynamischen Farbabstufungen und Farbwechsel innerhalb der klar definierten Binnenformen.

Die ästhetische Nähe zu Bildformen des Gastgeberlandes, deren Entwicklung zwischen okzidentalen und orientalischen Traditionslinien siedeln, gar zu archaischen Vorbildern wie byzantinischen Ikonen oder spätmykenischen und späthelladischen Tier-, Pflanzen- und Menschendarstellungen, läßt sich aufgrund der Kürze des Entstehungszeitraumes der Aquarelle im Herbst 1994 und damit einhergehend in Ermangelung einer echten Gelegenheit für Matt Lamb zur intensiven Auseinandersetzung mit solchen Traditionen zu dem damaligen Zeitpunkt wohl kaum als das direkte Resultat einer originalen Begegnung mit antiker oder byzantinischer Kunst deuten, eher schon als der vielfach gebrochene, an diesem Orte allerdings verstärkte Nachklang eines über die Zeitalter und Zivilisationen hinweg weitergereichten Formen- und Bildkanons, den moderne Künstler wie Picasso im Zwanzigsten Jahrhundert auf ihre spezifische Weise beerben konnten.

So bleibt es einer eingehenderen ikonologischen Analyse der Aquarelle vorbehalten, die hier nicht geleistet werden kann, in ihnen zeitgenössische von archaischen, okzidentale von welche die intensive Farbigkeit der Aquarelle mit der sprichwörtlichen „leichten“, „fröhlichen“, „südländischen“ bzw. „mediterranen“ Lebensart in Beziehung setzen, sollte Abstand genommen werden.

Mit Blick auf die farbsatten Öl- und Materialbilder des Künstlers braucht nicht weit entlegen gesucht zu werden, erklärt sich die Farbigkeit der Aquarelle dann eher als technisch-medial begünstigte nochmalige Intensitätssteigerung der von Lamb auch sonst benutzten Farbpalette.

Der Vergleich mit den unmittelbar vorhergehenden großformatigen Werken des 1994er Katalogs legt es also nahe, in diesen und vor allem in diesen Arbeiten gewissermaßen die „Vorbilder“ für die Aquarelle zu sehen – eine Vorbildlichkeit, die sich jedoch nicht in einer skizzenartigen Nachahmung augenfälliger Motiv- und Stilmerkmale erschöpft. Denn: Eine in jenen Bildern bisweilen überhand nehmende Tendenz zu ornamental geronnen Form- und Farbarrangements, zu prägnanten Profil- und En-Face-Kombinationen, zu nur halbgestalteten Metamorphosen und wilden figürlichen Kreuzungen wird in den Aquarellen einer rechten Klärung zugeführt und – nicht zuletzt dank des künstlerischen Mediums – vom Künstler spielerisch überwunden.

Insofern bieten die Athener Aquarelle als zusammengehörige Reihe einen überraschenden und sehr intimen Einblick in den fortschreitenden bildnerischen Entwicklungsprozeß. Es verdient zudem hervorgehoben zu werden, daß Matt Lamb mit diesen Bildern biografisch einen schöpferischen Schritt zu neuen, noch großzügigeren und lebendigeren Formen und zu noch vielschichtigeren, plastisch-räumlicheren Farbklängen vollziehen konnte.

Signifikanterweise hat sich diese Entwicklung des Gestaltungsvermögens zunächst auf kleiner Bühne und mit bescheidenen Mitteln vollzogen, hat die expressive Faustformel:

Eindringlichkeit durch kompositorische Klarheit ihren deutlichsten Widerhall nicht so sehr im monumentalen Zyklus „Christuserfahrung – Liebe“ (und dort vor allem in den beiden Schlußbildern des Auferstehungs-Triptychons), mithin gerade nicht im Format der Reüssierkunst gefunden, sondern in Kleinformen wie der aquarellierten Zeichnungen, dem handbemalten Motivteller, und dem bemalten Glas. Wie die Gemälde des Künstlers aus dem letzten Jahr zeigen, finden sich nunmehr jene in den Athener Aquarellen so glücklich geklärten Verhältnisse auch auf größerer Bühne und mit komplexeren Mitteln realisiert.